Sinfonieorchester  der  BASF - Mitarbeiter

Reich und hörenswert

Abschlusskonzert des Orgelsommers mit der Bezirkskantorei in der Kirchheimbolander Paulskirche

Von Roland Happersberger
 

Viel Schönes, darunter bemerkenswert Gelungenes, brachte am Nationalfeiertag das erfreulich stark besuchte Chor- und Orchesterkonzert der protestantischen Bezirkskantorei Kirchheimbolanden-Winnweiler mit einem Solistenensemble und dem Collegium Musicum aus Ludwigshafen unter der Gesamtleitung von Martin Reitzig. Zu hören war ein anspruchsvolles, pausenlos eindreiviertelstündiges Programm mit Musik von Mozart, Schumann, Schubert und Mendelssohn, in dem freilich nicht alles gleichermaßen überzeugte.

Kibo2017Das Collegium Musicum, seit Jahren am 3. Oktober in der Paulskirche mit von der Partie, hat einen neuen Leiter, der die beiden Orchesterstücke dirigierte: Robert Weis-Banaszczyk. Da interessiert besonders, wie sich der Wechsel auswirkte, weswegen wir von der chronologischen Reihenfolge abgehen.Franz Schuberts Sinfonie Nr. 8 in h-Moll, die nur zweisätzige „Unvollendete“. Am Anfang diesmal kein geheimnisvolles, romantisch verhangenes Misterioso, sondern bald auftrumpfendes Forte. Das Hauptthema, von den Streichern delikat und verhalten gespielt, scheint gestimmt wie ein fröhlicher Wanderer, der durch recht laute Blechblasmusik schlendert. Das Orchester ist klanglich hervorragend, bestens intoniert, höchst differenziert, in schöner Balance der Instrumentengruppen. Es zeigt alles, was geschieht, deutlich und blitzblank poliert, aber wenig, warum es geschieht. Hier hätte man sich von Robert Weis-Banaszczyk mehr Ausdruck, mehr Deutung gewünscht – was bedeutet etwa das wiederkehrende Motiv in den tiefen Streichern? Vieles ist recht laut und dabei emotionell neutral. Im zweiten Satz entfaltet sich herrlich das Geflecht von Streicherschritten und blühenden Bläserakkorden, feines Piano heischt Aufmerksamkeit, eine überlegte Klangbalance zeigt selten beachtete Details. In feinstem und doch noch klangvollem Piano klingt die Sinfonie aus. Fazit: Das Ensemble scheint spieltechnisch gewonnen zu haben; der Ausdruck ist sachlicher, weniger emotional geworden, straffe Tempi sind die Regel.

Dies gilt auch für Robert Schumanns spätes Cellokonzert, das sich erst sehr spät durchgesetzt hat. Es bringt weniger konzertierenden Wettstreit zwischen Soloinstrument und Orchester, es ist mehr eine sinfonische Dichtung, welche das von Eva Sophie Albrecht gespielte Solo-Cello anführt. Es eröffnet ganz subjektiv, mit einem sehnsuchtsvoll-suchenden Gesang. Die Wiedergabe ist auf beiden Seiten im besten Sinn klar, exakt, klangschön und präzise. Es entwickelt sich ein zunehmend homogenes, aus einem Grundimpuls fließendes Gesamtgeschehen, das eher sachlich-zügig als gefühlig-pathetisch daherkommt, dem der Hörer sich gerne anvertraut. Eva Sophie Albrecht spielt auch die schwierigsten Stellen makellos, mit einwandfreiem Ton, und sie wird dafür gefeiert.

Bezirkskantor Martin Reitzig dirigierte die beiden geistlichen Chorwerke. Bestens gelang in lebendiger, plausibler und stilrichtiger Interpretation Felix Mendelssohns herrliche Vertonung des Psalms „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“. Den Eingang singt die Bezirkskantorei wunderbar sacht und behutsam; hier bleibt das Orchester fast so zurückhaltend, wie es sein soll, bald aber tendiert es mehrfach dazu, den mit gutem Grund behutsamen Chorvortrag zu überstrahlen. Die rund zwanzig Sängerinnen und rund zehn Sänger agieren klangvoll und differenziert, es gibt blühende Spannungs- und Steigerungsbögen, die von Chor und Orchester homogen und exakt ausgeführt werden. Wunderbar klar ist die Chor-a-cappella-Stelle am Ende des ersten Satzes.

Antonietta Jana singt die Arien und Rezitative ausdrucksstark und stilrichtig, mit kraftvoll und vollklingend den Raum füllender Stimme. Das ist eine reine Freude. Die Tenöre Martin Steffan und Christoph Jakobi und die Bässe Thomas Herberich und Aaron Kaufmann (die jeweils zweiten aus dem Chor) waren ihr kompetente Partner im Soloquintett. Kraftvoll sang die Kantorei die den Baals-chören im „Elias“ verwandten „Harre auf Gott!“-Rufe. Am Ende trumpften die Instrumente so auf, dass man die Chorfuge stellenweise mehr ahnte als hörte. Der begeisterte Applaus war verdient.

Wenig gelungen war dagegen leider Wolfgang Amadeus Mozarts das Konzert eröffnende „Spatzenmesse“ (zusätzlich mit der Altistin Annette Wieland). Sie krankte an unziemlicher Hast. Die Musik der Mozartzeit lebt aus der plastischen Modulation kurzer motivischer Einheiten, von leichten Tempo- und Akzentverschiebungen innerhalb des Taktes, die ab einem gewissen Tempo nicht mehr ausgeführt werden können. Man merkt irgendwie einen Mangel – und forciert die Lautstärke.

Chor, Orchester und Solisten beherrschten ihre Partien, wie sonst auch, bestens, wenn aber die Sänger nicht die Zeit haben, die Vokale zum Klingen zu bringen, wenn sie sogar, um mitzukommen, manche Silben halb verschlucken müssen, dann ist das des Flotten zu viel, dann kann – zumal in der Akustik der Paulskirche – sich kein Gesamtklang mehr runden. Schade! Dass eine solche Mozartauffassung weithin üblich geworden ist, macht die Sache nicht besser.

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